Diese Baulücke erzählt Geschichte(n)

Ich habe eine Schwäche für alte Häuser –  vor allem, wenn an ihnen der Zahn der Zeit nagt, oder sie unscheinbar wirken, aber eine spannende Vergangenheit haben. Doch während (Groß)städte ihre architektonischen Schätzchen meist hegen, pflegen und herzeigen, ist dies im ländlichen Raum oft nicht ausgeprägt. Dabei mangelt es dort nicht an interessanten Geschichten. So auch in Overath, das sich seit 2017 sogar mit einer ganz besonderen Baulücke einem Museumsexponat schmücken kann.

Die „Notkirche“ entsteht

Von 1951 bis 2017, gehörte die evangelische Kirche in der Kapellenstraße fest zum Overather Stadtbild. Ein unauffälliges, weißgetünchtes Gebäude mit ausladendem Giebeldach, das sich auf den ersten Blick nur durch seinen Glocken-Aufbau und ein Kreuz auf dem Dach von den umstehenden Wohnhäusern unterschied. Protestantisch bescheiden – ein Zweckbau. Erbaut wurde die Kirche 1951, als sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs zahlreiche aus Schlesien stammende Flüchtlinge evangelischer Konfession in Overath ansiedelten. Doch Geld und Baumaterialien waren knapp, sodass sich die Gemeinde zum Bau einer „Notkirche“ entschloss.

Schnelle Lösung im Nachkriegsdeutschland

Abbau der Kirche, Sommer 2017
Abbau der Kirche, Sommer 2017

Der Plan für die „Serienkirche Typ Diasporakapelle“ stammte von dem Architekten Otto Bartning, einem Vordenker der Bauhaus-Schule. Sein Konzept: Entwurf eines schlichten Bausatzes, bestehend aus einer tragenden Zeltdach-Holzkonstruktion, aufgesetzt auf drei massive Umfassungsmauern. So war es möglich, die Kirche kostengünstig, schnell und zu einem Großteil in Eigenleistung der Gemeindemitglieder zu errichten. Bartnings Bausatz-Kirche war ein Erfolgsmodell: Insgesamt entstanden in der Nachkriegszeit in Deutschland rund 50 Notkirchen nach den Plänen des Architekten.

Ab ins Museum

Infotafel am neuen Standort in Kommern

Nach 66 Jahren „im Dienst“ war die Overather Versöhnungskirche, wie sie seit dem 50-jährigen Bestehen 2001 hieß, langsam in die Jahre gekommen und entsprach in baulicher Hinsicht nicht mehr den aktuellen Anforderungen. Zeitgleich befand sich im Freilichtmuseum Kommern in der Eifel der neue Ausstellungsabschnitt „Marktplatz Rheinland“ im Aufbau, ein Gelände, das sich der deutschen Nachkriegsarchitektur im ländlichen Raum widmet. Neben Nachkriegs-Notunterkünften, Wohnhäusern, Läden, einer Gaststätte und weiteren Gebäuden sollte sich auch die Overather Kirche in die Exponate einreihen. So wurde diese an Ostersonntag 2017 offiziell entweiht. Wenig später begann dann der Abbau, das Zerlegen in Einzelteile – und schließlich der Abtransport Richtung Eifel.

Der neue Standort in Kommern

Neuaufbau im Museum Kommern
Neuaufbau im Museum Kommern

Mit dem „Marktplatz Rheinland“ geht das Freilichtmuseum Kommern gleichzeitig neue konzeptionelle Wege. Denn statt wie bisher regionaltypische historische Gebäude als Einheit zu gruppieren – so gibt es beispielsweise die Ausstellungsflächen „Bergisches Land, „Niederrhein“ und „Westerwald“ – und so die charakteristischen regionalen Bauweisen herauszustellen, bricht der „Marktplatz Rheinland“ mit dieser Regional-Typologie. Stattdessen zeigt er die in der Wirtschaftswunderzeit eher pragmatisch orientierte Bauweise. Noch klafft im Overather Kapellenweg eine Baulücke. Aber Pläne für eine neue Kirche an dieser Stelle existieren bereits.

 

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade zum Thema Kultur und Kulturtourismus im ländlichen Raum #KulTourRaum. Ein Kooperationsprojekt von Kultur hoch N und Zeilenabstand.net.

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